Fahrrad Fahren in Kopenhagen

15. November 2006

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Mein Fahrrad (Quelle:privat)Es ist noch früh am Morgen und auf dem Sattel ist Tau. Ich operiere mein Fahrrad aus dem Fahrradständer, schließe das Schloss auf und mache mich auf den Weg zur Uni. Aber vorher muss ich den Sattel noch in eine Plastiktüte einpacken, denn natürlich habe ich mir ein spezielles Fahrrad ausgesucht. Man bekommt Rostflecken auf der Hose, wenn man sich auf den nassen Sattel setzt. Das habe ich schon mit meiner weißen Hose ausprobiert. Egal, jetzt endlich los! Den Weg muss ich Gott sei Dank nicht mehr suchen. Am ersten Tag habe ich eine Dreiviertelstunde gebraucht, weil ich an jeder Kreuzung anhalten und auf der Karte nach dem Weg suchen musste. Ist das jetzt hier richtig? Bin ich schon zu weit? Jetzt kann ich einfach losdüsen.

Quelle: privatFahrrad fahren in Dänemark ist eine Passion. Unübertrieben. Es ist super! Der Fahrradweg ist so breit wie eine Autospur. Und es gibt extra Fahrradfahrer-Ampeln. Lustig finde ich auch die extra Linksabbieger-Spuren. Man kann sich –auf dem Fahrradweg! – links einordnen und muss sich dann an der Linksabbieger-Fahrradampel orientieren. Und dabei ist man nicht allein: Es fühlt sich immer ein bisschen an wie die Tour de France. Oder ich komme mir vor wie ein rotes Blutkörperchen im Blutkreislauf. Zunächst, in Frederiksberg, ist man noch ein wenig einsam auf dem Fahrradweg. Aber spätestens auf dem Hans Christian Andersen Boulevard kann man sich in den Windschatten vom Vordermann (frau) hängen. Dann donnern die meist gut gebrauchten Hollandräder um die Wette über den Rathausplatz. Und was man da alles zu sehen bekommt: Der Bankier radelt im Nadelstreif auf dem Mountainbike über die fast rote Ampel. Die Frauen kleiden sich in Dänemark immer sehr elegant und feminin. Doch auch die adrette Frau im Kostümchen mit den hohen Absätzen hält sich wacker beim allmorgendlichen Straßenrennen. Und auch die Mami mit Kind ist mit dabei. Der Sohn hockt in einem Wagen, der sich vor dem Rad befindet. Und natürlich die Studis mit ihren extravaganten Gebrauchträdern. Alle brav aneinandergereiht überqueren wir die Amagerbro (Brücke). Obwohl es sehr flach ist hier, kommt man doch ins schwitzen, die Fahrt dauert auch eine halbe Stunde. Je nachdem, wie viele rote Ampeln dazwischen sind. Aber Distanzen spielen keine Rolle. Die Dänen sind da nicht zimperlich. Ganz Wickinger, fahren sie bei Wind und Wetter quer durch die Stadt. Mit Gummistiefeln und Regencape trotzen sie auch tropisch anmutenden Regenfällen und erreichen trotzdem gut gelaunt ihr Ziel. Ich hab noch keine Regenjacke und nehme dann feige die U-Bahn.

Heute haben wir gelernt, dass rund 1/3 der Dänen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Das zweite Drittel nimmt die öffentlichen Verkehrsmittel und nur ein Drittel fährt mit dem Auto. In der rush-hour wird’s da schon mal eng auf dem Fahrradweg. Da wird fleissig überholt und geklingelt. Richtig gut sind auch die Zeitungsausträger, die einem kostenlose Zeitungen entgegenhalten, die man sich nur zu schnappen braucht. So wie bei der Tour de France die Elektrolyt-Getränke. Gedoped sind hier natürlich auch alle. Die meisten wohl mit „Kaffe“ oder viel zu süßem Kakao. Dann überhole ich meinen Vordermann und bin in der Ausreißergruppe. Wenn die Ampel auf Orange schaltet, schlägt die Stunde der Sprinter. Sie schaffen es noch vor –rot- über die Ziellinie. Ich konzentriere mich eher auf den Etappensieg. Kurz vor Schluss gebe ich noch mal alles und kämpfe mich bis in den „Tete de la course“. Einige zuschauende Fußgänger stehen am Rand. Hat da einer geklatscht?

SprachkursDann naht das Ziel: Die Uni. Nur noch fünf Minuten bis der Sprachkurs anfängt. Oh nein, zwei Professoren blockieren den Radweg. In einem Schneckentempo fahren sie genau vor mir nebeneinander und diskutieren wild gestikulierend über irgendein wissenschaftliches Problem. Das nervt. Dann biegen sie endlich ab und ich habe wieder freie Bahn. Schnell das Fahrrad anschließen, ich komme noch rechtzeitig. Geschafft! Etappensieg! Während des Unterrichts schaue ich immer wieder mit Stirnrunzeln nach draußen, hoffentlich regnet es nachher nicht.

Aber egal wie das Wetter wird. Die Tour gewinne ich sicher!

Kennt ihr Tycho Brahe?

20. Oktober 2006

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Wow – meine erste Exkursion mit der Uni. Der „Danish culture course“ stellte das Highlight der Vorlesung vor: Eine Exkursion zur Insel „Hven“. Sie liegt zwischen Dänemark und Schweden im Øresund und ist eigentlich ganz putzig. Naja, jedenfalls war Hven ja früher mal dänisch, betonte man immer wieder. Jedenfalls haben wir am Anfang des Semesters ein Programmheft bekommen und da sieht man ein schmuckes Schlösschen vorne drauf. Das sei das Forschungszentrum von Tycho Brahe gewesen, versicherte man uns. Okay, die Exkursion war kostenlos und wir beschlossen, uns die Sache mal näher anzusehen.

SchifffahrtClaudia, Phillys und ich begaben uns auf ein Bootchen und machten uns auf den Weg nach Hven. Auf der Überfahrt war irgendwie so wenig los, dass alle eingeschlafen sind (ich nicht, ich hab mich gelangweilt). Aber schön war es trotzdem, ich habe Boote gesehen und Möwen und allsowas. Dann haben wir endlich angelegt. Es war wie auf einer Klassenfahrt: Der Prof hat laut brüllend irgendwelche Anweisungen gegeben, während die Studis schon Ausschau nach der nächsten Eisbude gehalten haben. Jedenfalls hat er dann verkündet, dass das Museum eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt ist und dass wir da jetzt hinlaufen. Okay, war ja schönes Wetter. Also sind wir dann alle da hin. Dann hat er uns alle auf eine Wiese gesetzt und angefangen, vom „großen“ Tyho Brahe zu erzählen. Es war ein dänischer Edelmann, der lieber forschen wollte, als politische Aufgaben zu übernehmen. Astronomie, Astrologie und Alchemie waren seine Spezialgebiete. Er lebte in der Renaissance (1546-1601) und mochte es am liebsten, in seiner Forschungsstation zu sitzen und mit bloßem Auge weit entfernte Sterne zu beobachten. Ich gehe da jetzt nicht in die Einzelheiten.

Tyho Brache MuseumNaja, dann also das Museum. Es war eine kleine Kapelle mit ein paar Tafeln an der Wand, auf denen meistens dasselbe stand (?!) (Ich hab sie mir alle durchgelesen).

Dann gings weiter zur Forschungsstation. Wir hatten schon Gerüchte gehört, dass das Gebäude nicht mehr richtig erhalten sei aber als wir dann an der Stelle waren, konnte ich nur noch grinsen. Sie hatten den Boden mit Kieselsteinen ausgelegt. Rote Steine und weiße Steine. Sie markierten den ehemaligen Grundriss des Schlösschens. WOW!! Ich war ja so beeindruckt! Die super Kieselsteinschau!! Dann hat der Prof so Folien dabei gehabt und eine halbe Stunde darüber referiert, wo der Garten gewesen ist, wo ein Springbrunnen stand und wo das Schlafzimmer etc. war. Auch das Königszimmer hat er uns genau erklärt, natürlich war der König NIE dort zu Besuch weil das ganze viel zu unbedeutend war. Ich musste so lachen irgendwie. Naja, dann standen wir etwa eine dreiviertel Stunde für ne Tasse Kaffee an und setzten uns dann in den Garten des Cafes.

HvenDanach wurde eine weitere Tour angekündigt. Sie sollte zu einer Wassermühle gehen. Die Wasserenergie nutzte Brahe, um Energie zu gewinnen und Papier selbst herzustellen. Da sonst nichts los war, sind wir also wieder alle brav mit. Ab durch die Prärie. Dann waren wir irgendwann am Meer. Schön. Da war ein Hügel, der Anlass gab für eine weitere halbe Stunde Vorlesung. Ja, wie raffiniert das doch gewesen sei. Von der Mühle sei NATÜRLICH! nichts mehr übrig, aber man wollte uns doch unbedingt diesen Grashügel zeigen! Das sei ja alles so beeindruckend, dieses Genie von Mann der eine Wassermühle gebaut hat! WOW! Wir haben uns während dessen auf die Wiese gelegt und aufs Meer hinausgeschaut. Dann kam noch die große Skandalmeldung: Also Brahe hatte einen künstlichen Wall aufgeschüttet, um das Wasser zu stauen. Das sei schon supergenial gewesen. Gut. Dann hat man ein paar hundert Jahre gebraucht, um diesen Wall wieder zu finden, bis eines Tages ein Spaziergänger sich die Gegend angeschaut habe und gesagt hat: „Da ist er doch“. So haben sie das bedeutende Relikt einer vergangenen Glanzzeit der dänischen Forschung wieder entdeckt. Vor ein paar Jahren haben die Behörden dann entschlossen, dort einen Ententeich anzulegen. Jetzt kommt der Skandal. Sie haben irgendwo ein Loch gebohrt und jetzt ist das Wissen darum, wie Brahe damals den Wall gebaut hat, auf IMMER verloren gegangen. Der Professor war wirklich runter mit den Nerven. Gut, dann sind wir wieder eine Stunde über die Insel gelaufen zurück zum Schiff, noch schnell ein Eis auf die Hand und ab nach Hause.

Bilder:privatDas soll jetzt alles nicht zu respektlos klingen. Ich habe viel über diesen Mann gelernt. Der Punkt ist einfach, sie haben das hingestellt als sei das die tolle Tour mit dem tollen Museum und den Überresten des sagenhaften Renaissance – Schlosses und so weiter. Das war einfach lächerlich. Warum haben sie uns nicht gesagt, wir erzählen euch ein bisschen was über den bedeutendsten Astronom den wir so zu bieten haben und es ist eine schöne Insel (ist es wirklich) wir gehen ein bisschen spazieren und das wars?

Das hat das ganze so spassig gemacht.

Naja, wir haben noch wilde Brombeeren gepflückt und man muss ja zugeben, Brahe hat die Daten geliefert für Keplers Gesetze. Ganz unbedeutend scheint er wohl nicht gewesen zu sein. Wenn sie es doch nur nicht so überstrapaziert hätten.

Fazit:

Vielleicht eine gute Idee für strukturschwache Regionen in Deutschland. Hey, hattet ihr nicht irgendwann mal jemanden, der so richtig clever war? Super, dann besorgt doch mal zwei Tonnen Kies und fragt ein paar Frauen aus dem Ort, ob sie nicht einen Garten anlegen und Kaffee verkaufen möchten. Wenn hier eh niemand mehr in die Kirche geht, stellen wir da ein paar Tafeln zum lesen rein und alles wird gut. Na, wie wärs?

Kopenhagen

18. Oktober 2006

Abgelegt unter: Kopenhagen

Im Wintersemester 2007/ 2008 war ich in Kopenhagen. Hier sind einige Geschichtchen aus meinem Alltag dort.