Fahrrad Fahren in Kopenhagen
Es ist noch früh am Morgen und auf dem Sattel ist Tau. Ich operiere mein Fahrrad aus dem Fahrradständer, schließe das Schloss auf und mache mich auf den Weg zur Uni. Aber vorher muss ich den Sattel noch in eine Plastiktüte einpacken, denn natürlich habe ich mir ein spezielles Fahrrad ausgesucht. Man bekommt Rostflecken auf der Hose, wenn man sich auf den nassen Sattel setzt. Das habe ich schon mit meiner weißen Hose ausprobiert. Egal, jetzt endlich los! Den Weg muss ich Gott sei Dank nicht mehr suchen. Am ersten Tag habe ich eine Dreiviertelstunde gebraucht, weil ich an jeder Kreuzung anhalten und auf der Karte nach dem Weg suchen musste. Ist das jetzt hier richtig? Bin ich schon zu weit? Jetzt kann ich einfach losdüsen.
Fahrrad fahren in Dänemark ist eine Passion. Unübertrieben. Es ist super! Der Fahrradweg ist so breit wie eine Autospur. Und es gibt extra Fahrradfahrer-Ampeln. Lustig finde ich auch die extra Linksabbieger-Spuren. Man kann sich –auf dem Fahrradweg! – links einordnen und muss sich dann an der Linksabbieger-Fahrradampel orientieren. Und dabei ist man nicht allein: Es fühlt sich immer ein bisschen an wie die Tour de France. Oder ich komme mir vor wie ein rotes Blutkörperchen im Blutkreislauf. Zunächst, in Frederiksberg, ist man noch ein wenig einsam auf dem Fahrradweg. Aber spätestens auf dem Hans Christian Andersen Boulevard kann man sich in den Windschatten vom Vordermann (frau) hängen. Dann donnern die meist gut gebrauchten Hollandräder um die Wette über den Rathausplatz. Und was man da alles zu sehen bekommt: Der Bankier radelt im Nadelstreif auf dem Mountainbike über die fast rote Ampel. Die Frauen kleiden sich in Dänemark immer sehr elegant und feminin. Doch auch die adrette Frau im Kostümchen mit den hohen Absätzen hält sich wacker beim allmorgendlichen Straßenrennen. Und auch die Mami mit Kind ist mit dabei. Der Sohn hockt in einem Wagen, der sich vor dem Rad befindet. Und natürlich die Studis mit ihren extravaganten Gebrauchträdern. Alle brav aneinandergereiht überqueren wir die Amagerbro (Brücke). Obwohl es sehr flach ist hier, kommt man doch ins schwitzen, die Fahrt dauert auch eine halbe Stunde. Je nachdem, wie viele rote Ampeln dazwischen sind. Aber Distanzen spielen keine Rolle. Die Dänen sind da nicht zimperlich. Ganz Wickinger, fahren sie bei Wind und Wetter quer durch die Stadt. Mit Gummistiefeln und Regencape trotzen sie auch tropisch anmutenden Regenfällen und erreichen trotzdem gut gelaunt ihr Ziel. Ich hab noch keine Regenjacke und nehme dann feige die U-Bahn.
Heute haben wir gelernt, dass rund 1/3 der Dänen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Das zweite Drittel nimmt die öffentlichen Verkehrsmittel und nur ein Drittel fährt mit dem Auto. In der rush-hour wird’s da schon mal eng auf dem Fahrradweg. Da wird fleissig überholt und geklingelt. Richtig gut sind auch die Zeitungsausträger, die einem kostenlose Zeitungen entgegenhalten, die man sich nur zu schnappen braucht. So wie bei der Tour de France die Elektrolyt-Getränke. Gedoped sind hier natürlich auch alle. Die meisten wohl mit „Kaffe“ oder viel zu süßem Kakao. Dann überhole ich meinen Vordermann und bin in der Ausreißergruppe. Wenn die Ampel auf Orange schaltet, schlägt die Stunde der Sprinter. Sie schaffen es noch vor –rot- über die Ziellinie. Ich konzentriere mich eher auf den Etappensieg. Kurz vor Schluss gebe ich noch mal alles und kämpfe mich bis in den „Tete de la course“. Einige zuschauende Fußgänger stehen am Rand. Hat da einer geklatscht?
Dann naht das Ziel: Die Uni. Nur noch fünf Minuten bis der Sprachkurs anfängt. Oh nein, zwei Professoren blockieren den Radweg. In einem Schneckentempo fahren sie genau vor mir nebeneinander und diskutieren wild gestikulierend über irgendein wissenschaftliches Problem. Das nervt. Dann biegen sie endlich ab und ich habe wieder freie Bahn. Schnell das Fahrrad anschließen, ich komme noch rechtzeitig. Geschafft! Etappensieg! Während des Unterrichts schaue ich immer wieder mit Stirnrunzeln nach draußen, hoffentlich regnet es nachher nicht.
Aber egal wie das Wetter wird. Die Tour gewinne ich sicher!
