Kennt ihr Tycho Brahe?
Wow – meine erste Exkursion mit der Uni. Der „Danish culture course“ stellte das Highlight der Vorlesung vor: Eine Exkursion zur Insel „Hven“. Sie liegt zwischen Dänemark und Schweden im Øresund und ist eigentlich ganz putzig. Naja, jedenfalls war Hven ja früher mal dänisch, betonte man immer wieder. Jedenfalls haben wir am Anfang des Semesters ein Programmheft bekommen und da sieht man ein schmuckes Schlösschen vorne drauf. Das sei das Forschungszentrum von Tycho Brahe gewesen, versicherte man uns. Okay, die Exkursion war kostenlos und wir beschlossen, uns die Sache mal näher anzusehen.
Claudia, Phillys und ich begaben uns auf ein Bootchen und machten uns auf den Weg nach Hven. Auf der Überfahrt war irgendwie so wenig los, dass alle eingeschlafen sind (ich nicht, ich hab mich gelangweilt). Aber schön war es trotzdem, ich habe Boote gesehen und Möwen und allsowas. Dann haben wir endlich angelegt. Es war wie auf einer Klassenfahrt: Der Prof hat laut brüllend irgendwelche Anweisungen gegeben, während die Studis schon Ausschau nach der nächsten Eisbude gehalten haben. Jedenfalls hat er dann verkündet, dass das Museum eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt ist und dass wir da jetzt hinlaufen. Okay, war ja schönes Wetter. Also sind wir dann alle da hin. Dann hat er uns alle auf eine Wiese gesetzt und angefangen, vom „großen“ Tyho Brahe zu erzählen. Es war ein dänischer Edelmann, der lieber forschen wollte, als politische Aufgaben zu übernehmen. Astronomie, Astrologie und Alchemie waren seine Spezialgebiete. Er lebte in der Renaissance (1546-1601) und mochte es am liebsten, in seiner Forschungsstation zu sitzen und mit bloßem Auge weit entfernte Sterne zu beobachten. Ich gehe da jetzt nicht in die Einzelheiten.
Naja, dann also das Museum. Es war eine kleine Kapelle mit ein paar Tafeln an der Wand, auf denen meistens dasselbe stand (?!) (Ich hab sie mir alle durchgelesen).
Dann gings weiter zur Forschungsstation. Wir hatten schon Gerüchte gehört, dass das Gebäude nicht mehr richtig erhalten sei aber als wir dann an der Stelle waren, konnte ich nur noch grinsen. Sie hatten den Boden mit Kieselsteinen ausgelegt. Rote Steine und weiße Steine. Sie markierten den ehemaligen Grundriss des Schlösschens. WOW!! Ich war ja so beeindruckt! Die super Kieselsteinschau!! Dann hat der Prof so Folien dabei gehabt und eine halbe Stunde darüber referiert, wo der Garten gewesen ist, wo ein Springbrunnen stand und wo das Schlafzimmer etc. war. Auch das Königszimmer hat er uns genau erklärt, natürlich war der König NIE dort zu Besuch weil das ganze viel zu unbedeutend war. Ich musste so lachen irgendwie. Naja, dann standen wir etwa eine dreiviertel Stunde für ne Tasse Kaffee an und setzten uns dann in den Garten des Cafes.
Danach wurde eine weitere Tour angekündigt. Sie sollte zu einer Wassermühle gehen. Die Wasserenergie nutzte Brahe, um Energie zu gewinnen und Papier selbst herzustellen. Da sonst nichts los war, sind wir also wieder alle brav mit. Ab durch die Prärie. Dann waren wir irgendwann am Meer. Schön. Da war ein Hügel, der Anlass gab für eine weitere halbe Stunde Vorlesung. Ja, wie raffiniert das doch gewesen sei. Von der Mühle sei NATÜRLICH! nichts mehr übrig, aber man wollte uns doch unbedingt diesen Grashügel zeigen! Das sei ja alles so beeindruckend, dieses Genie von Mann der eine Wassermühle gebaut hat! WOW! Wir haben uns während dessen auf die Wiese gelegt und aufs Meer hinausgeschaut. Dann kam noch die große Skandalmeldung: Also Brahe hatte einen künstlichen Wall aufgeschüttet, um das Wasser zu stauen. Das sei schon supergenial gewesen. Gut. Dann hat man ein paar hundert Jahre gebraucht, um diesen Wall wieder zu finden, bis eines Tages ein Spaziergänger sich die Gegend angeschaut habe und gesagt hat: „Da ist er doch“. So haben sie das bedeutende Relikt einer vergangenen Glanzzeit der dänischen Forschung wieder entdeckt. Vor ein paar Jahren haben die Behörden dann entschlossen, dort einen Ententeich anzulegen. Jetzt kommt der Skandal. Sie haben irgendwo ein Loch gebohrt und jetzt ist das Wissen darum, wie Brahe damals den Wall gebaut hat, auf IMMER verloren gegangen. Der Professor war wirklich runter mit den Nerven. Gut, dann sind wir wieder eine Stunde über die Insel gelaufen zurück zum Schiff, noch schnell ein Eis auf die Hand und ab nach Hause.
Das soll jetzt alles nicht zu respektlos klingen. Ich habe viel über diesen Mann gelernt. Der Punkt ist einfach, sie haben das hingestellt als sei das die tolle Tour mit dem tollen Museum und den Überresten des sagenhaften Renaissance – Schlosses und so weiter. Das war einfach lächerlich. Warum haben sie uns nicht gesagt, wir erzählen euch ein bisschen was über den bedeutendsten Astronom den wir so zu bieten haben und es ist eine schöne Insel (ist es wirklich) wir gehen ein bisschen spazieren und das wars?
Das hat das ganze so spassig gemacht.
Naja, wir haben noch wilde Brombeeren gepflückt und man muss ja zugeben, Brahe hat die Daten geliefert für Keplers Gesetze. Ganz unbedeutend scheint er wohl nicht gewesen zu sein. Wenn sie es doch nur nicht so überstrapaziert hätten.
Fazit:
Vielleicht eine gute Idee für strukturschwache Regionen in Deutschland. Hey, hattet ihr nicht irgendwann mal jemanden, der so richtig clever war? Super, dann besorgt doch mal zwei Tonnen Kies und fragt ein paar Frauen aus dem Ort, ob sie nicht einen Garten anlegen und Kaffee verkaufen möchten. Wenn hier eh niemand mehr in die Kirche geht, stellen wir da ein paar Tafeln zum lesen rein und alles wird gut. Na, wie wärs?
